Wenn die Rede auf bayerische Prinzessinnen kommt, fällt den meisten wohl sofort „Sisi“ ein, Elisabeth von Bayern, die zur Kaiserin von Österreich und Königin von Ungarn wurde. Doch die bayerische Geschichte brachte eine weitere außergewöhnliche Prinzessin hervor, die in der Wissenschaft und im sozialen Bereich tiefe Spuren hinterließ. Mehr über Prinzessin Therese von Bayern erfahren Sie auf munichka.eu.
Ein mächtiges Geschlecht
Prinzessin Therese von Bayern (mit vollem Namen Therese Charlotte Marianne Auguste) war das vierte Kind und die einzige Tochter von Prinzregent Luitpold von Bayern und Erzherzogin Auguste Ferdinande von Österreich. Sie entstammte dem Haus Wittelsbach, einem der mächtigsten Königshäuser Europas. Diese Dynastie herrschte über das Königreich Bayern, das 1805 gegründet wurde und bis 1918 bestand. In der Verwaltung des Bayerischen Palastes ist eine Miniatur erhalten, die Georg Raab in Aquarell und Gouache auf Elfenbein malte. Sie zeigt Madame Therese von Bayern, ein kleines Mädchen mit einer Puppe.
Als Therese 1850 geboren wurde, begann die politische Macht der bayerischen Krone allmählich zu schwinden. Das Mädchen wurde in München geboren und hatte drei Brüder: Arnulf (Prinz Arnulf von Bayern, General der Infanterie), Ludwig (der spätere König Ludwig III., der letzte bayerische König) und Leopold. Prinzessin Therese von Bayern stand ihrem Bruder Leopold besonders nahe, der ihr Interesse an Geografie unterstützte.
Die Kinder wuchsen in einem liebevollen Elternhaus auf, doch die Eltern legten Wert auf eine praktische, streng katholische Erziehung. Stets wurde das Gefühl für Pflicht, Pünktlichkeit, Ordnung und Willensstärke betont.

Wissensdurst
Die junge Prinzessin zeichnete sich schon früh durch ihren Wissensdurst aus. Es wurde ihr gestattet, zusammen mit ihren Brüdern unterrichtet zu werden. Bald zeigte das Mädchen bemerkenswerte Sprachkenntnisse und ein besonderes Interesse an Pflanzen. Sie beherrschte 12 Sprachen fließend in Wort und Schrift. Zusammen mit ihrem Bruder Arnulf lernte sie Neugriechisch und Russisch. Damals besuchte sie zwar staatliche Kurse für Frauen, doch diese konnten den Wissenshunger der neugierigen jungen Frau nicht stillen. Deshalb erhielt sie den größten Teil ihrer Ausbildung von Privatlehrern und Wissenschaftlern.
Ihr Interesse an Naturwissenschaften und fernen Ländern war immens. Sie liebte Tiere, insbesondere exotische (Schildkröten, Fledermäuse, Murmeltiere). Auch für Pflanzen und fremde Kulturen begeisterte sich die Prinzessin. Obwohl sie mit ihren Brüdern lernen durfte, blieben Mathematik und Latein für sie dennoch verboten.
Leider war es Frauen nicht erlaubt, an Universitäten zu studieren. Erst 1903 legalisierte Thereses Vater, Prinzregent Luitpold, den Zugang von Frauen zu Hochschuleinrichtungen. Zudem öffnete er bayerische Universitäten für Frauen.
Was die körperliche Aktivität betraf, so liebte die junge Prinzessin Bergtouren, Schwimmen und Radfahren.

Eine neue Rolle
Im Jahr 1864 erlitt Prinzessin Therese einen bitteren Verlust. Ihre Mutter Erzherzogin Auguste von Österreich starb an Tuberkulose. Das Mädchen war damals erst 13 Jahre alt, und dieses Ereignis zwang sie, schnell erwachsen zu werden. Die sorglose Kindheit fand ein jähes Ende.
Sie war die einzige Frau unter ihren engsten Verwandten. Trotz ihres jungen Alters musste sie die Führung des Haushalts übernehmen und alle Pflichten einer Hausherrin erfüllen. In dieser schwierigen Rolle unterstützte sie ihre Tante. Diese Erfahrung entwickelte in ihr Verantwortungsbewusstsein, Selbstständigkeit und Organisationstalent. All diese Eigenschaften kamen ihr später bei ihren Forschungsreisen zugute.
Prinzessin Therese versuchte, eine Vermittlerin zwischen ihrem Vater und ihren Brüdern zu sein. Sie spürte den Druck des Umfelds und die hohen Erwartungen, die an sie als Vertreterin der mächtigen bayerischen Familie gestellt wurden.
Familiärer Druck
Die Prinzessin hegte eine besondere Zuneigung zu ihrem zwei Jahre älteren Cousin Otto (König Otto I. von Bayern). Er wurde wegen einer psychischen Erkrankung als regierungsunfähig erklärt. Prinzessin Therese und Otto verband eine tiefe emotionale Bindung. Otto wurde als gütiger, bescheidener und religiöser junger Mann beschrieben. Die Prinzessin fragte ihren Vater sogar, ob sie eine Ausbildung zur Krankenschwester machen dürfe, um sich um ihren Freund zu kümmern. Der Vater lehnte ab. Nach dem Tod von Ottos Mutter, Marie von Preußen, erhielt sie die offizielle Erlaubnis, Otto zweimal im Jahr zu besuchen. Sie erhielt außerdem regelmäßig ärztliche Berichte über seinen Zustand.
Diese unglückliche Romanze veranlasste die Prinzessin, alle Kandidaten für ihre Hand und ihr Herz abzulehnen. Sie nutzte geschickte Strategien, um dem Druck der Familie auszuweichen. Sieben Kandidaten aus guten Familien scheiterten. Nach den Hochzeiten ihrer Brüder ließ der familiäre Druck allmählich nach.
Zu dieser Zeit war es untypisch, dass eine Frau, anstatt sich der Familie und den üblichen Pflichten zu widmen, ihren eigenen Interessen nachging. Bei Prinzessin Therese waren dies Naturwissenschaften, Sozialwissenschaften, Geografie, Geologie, Botanik, Zoologie und Ethnologie.

Auszeichnungen
Im Alter von 42 Jahren wurde Therese von Bayern die erste Frau, die zum Ehrenmitglied der Geographischen Gesellschaft und der Bayerischen Akademie der Wissenschaften ernannt wurde, und mit 47 Jahren erhielt sie die Ehrendoktorwürde der Philosophischen Fakultät der Universität München. Diese Auszeichnungen waren für eine Frau zu jener Zeit eine unglaubliche Seltenheit.
Die Prinzessin-Therese-von-Bayern-Stiftung verleiht bis heute einen Preis zur Unterstützung junger Forscherinnen der Universität München.
Während ihrer Tätigkeit sammelte sie umfangreiche zoologische, botanische und ethnologische Kollektionen, die sie später den Bayerischen Staatlichen Zoologischen Sammlungen (ZSM) und dem Staatlichen Museum für Völkerkunde in München vermachte und damit einen bedeutenden Beitrag zu den Beständen dieser Institutionen leistete.
Wissenschaft und Reisen
Prinzessin Therese von Bayern war über 30 Jahre lang wissenschaftlich tätig. Sie leistete einen bedeutenden Beitrag zur Pflanzen- und Tiergeografie.
Ihre ersten Reisen unternahm sie als Kind mit ihrer Mutter nach Italien. Im Alter von 21 Jahren begann sie eine Reihe von Forschungsreisen. Auf jede Reise bereitete sie sich intensiv vor, studierte die Geschichte der Region und ihrer Bevölkerung, die lokale Sprache und Literatur. Bei der sorgfältigen Planung befasste sie sich mit Karten, Fahrplänen und Berichten. Sie reiste unter dem Pseudonym „Gräfin Elpen“.
Sie wurde von einer Gruppe von Bediensteten begleitet, darunter auch eine Hofdame. Sie besuchte Italien, Griechenland, bereiste ganz Europa, Nordafrika, den Nahen Osten und Amerika. Später ergänzten Brasilien (1888), Nordamerika und Mexiko (1893) sowie Südamerika (1898) diese Liste.
Über die Erfahrungen dieser Reisen verfasste die Prinzessin eine Reihe von Büchern (zum Beispiel „Hinter dem Polarkreis“, „Reiseimpressionen und Skizzen aus Russland“, „Meine Reisen in Brasilien“). Darin hob sie besonders die Naturgeschichte der von ihr besuchten Orte hervor. Frühe Werke der Prinzessin wurden unter dem Pseudonym „Th. v. Bayer“ veröffentlicht.

Soziales Engagement
Nach dem Tod ihres Vaters im Jahr 1912 endeten die Reisen der „Gräfin Elpen“. Sie widmete sich fortan der sozialen Arbeit. Zum Beispiel engagierte sie sich aktiv in der Katholischen Frauenliga, da sie für eine bessere Bildung von Mädchen und Frauen kämpfte. Sie kritisierte die allgemeine Euphorie nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs.
Die furchtlose Prinzessin wurde 74 Jahre alt und starb 1925. Sie wurde in der Theatinerkirche in München beigesetzt.
Erst im April 2009 wurde Prinzessin Therese von Bayern in die Ruhmeshalle Walhalla aufgenommen. Interessanterweise wurde die Gedenkstätte von ihrem Großvater zu Ehren wichtiger Persönlichkeiten des Königreichs Bayern errichtet. Sie war erst die dritte Frau, die dort aufgenommen wurde.
Ein ungewöhnlicher Weg
Prinzessin Therese von Bayern hätte ein glanzvolles höfisches Leben führen können, doch dies reizte sie nicht. Stattdessen widmete sie sich dem Reisen und der Wissenschaft und wurde eine herausragende Ethnologin, Zoologin, Botanikerin und Reiseschriftstellerin. Sie betrieb unermüdlich Forschungsarbeit und engagierte sich aktiv in der Sozialfürsorge. Die Prinzessin ging als unkonventionelle Persönlichkeit in die Geschichte ein, die weit über die traditionellen königlichen Pflichten hinausging.
