Gisela Schwabinger. Chansonsänger aus München

Gisela Schwabinger ist eine Ikone jener Ära, die untrennbar mit dem kulturellen Aufbruch Münchens in den Nachkriegsjahren verbunden ist. Ihre von Wärme und Offenheit geprägte Stimme und ihre berühmte Bar „Bei Gisela“ in Schwabing wurden zur Legende. Erfahren Sie mehr über München und seine Geschichte auf munichka.eu.

Frühes Leben und der Beginn einer ungewöhnlichen Karriere

Gisela wurde 1929 in Moers am Niederrhein als ältestes von sechs Kindern geboren. Sie begann ein Studium des expressionistischen Tanzes an der Folkwang Universität der Künste in Essen. Nach dem Krieg musste sie ihre Ausbildung aus finanziellen Gründen abbrechen. Stattdessen schlug sie einen radikal anderen Weg ein: Sie wollte Rennfahrerin werden und begann eine Lehre als Kfz-Mechanikerin. Auch diese schloss sie nicht ab, sondern zog nach München.

In München arbeitete Gisela Schwabinger zunächst als Kellnerin und Barkeeperin in der Künstlerkneipe „Mutti Bräukeller“. Nur drei Jahre später eröffnete sie ihre eigene, legendäre Bar.

Besondere Beachtung verdient jedoch ihr einzigartiger Chanson-Stil. Jeden Abend stand sie auf der Bühne ihres Lokals und sang ihre Chansons mit ihrer rauchigen Stimme. Darunter waren bekannte Lieder wie „Schwabinger Laterne“ und „Nowak“.

Gisela Schwabinger, die legendäre Chansonsängerin von Schwabing

Der Aufstieg zur Schwabinger Institution

1952, mit gerade einmal 23 Jahren, eröffnete Gisela ihre Bar (seit 2006 das Vereinsheim) in der Occamstraße 8. Sie war damals die jüngste Barbesitzerin Deutschlands. Es gelang ihr, das Münchner Lokalkolorit mit einer Prise Respektabilität und gleichzeitiger Ungezwungenheit zu verbinden.

Was leicht aussah, erforderte viel Einsatz. Mit Unterstützung von Freunden und Schwabinger Künstlern, allen voran Max Zimmermann, renovierte und baute sie das Lokal um.

Abends stand sie auf der kleinen Bühne neben einer schiefen Schwabinger Laterne und sang Chansons mit ihrer tiefen Stimme. Die Besucherzahlen stiegen stetig, und so begann ihre Karriere als Sängerin.

Die Bar „Bei Gisela“ – Das Herz Schwabings

Die Bar „Bei Gisela“ wurde schnell zur Legende und zum wahren Herzstück Schwabings. Sie war ein Treffpunkt für Menschen aus allen sozialen Schichten: von Studenten und Künstlern bis hin zu Intellektuellen und Berühmtheiten. Mit ihrer rauchigen Stimme besang sie die „Schwabinger Laterne“ und den „Nowak“.

Ihre Verse verspotteten bürgerliche Engstirnigkeit und eine verklemmte Sexualmoral. Die junge Gisela traf damit einen Nerv. Ihre Texte waren so scharfzüngig, dass sie sogar wegen Unanständigkeit vor Gericht zitiert wurde.

Diese Geschichte erzählte sie ohne eine Spur von Verbitterung und betonte, dass der Richter sie freigesprochen habe – er sei ohnehin einer ihrer Stammgäste gewesen.

Auf der berühmten Kabarettbühne gaben sich illustre Gäste die Klinke in die Hand, darunter Emil Erich Kästner, Ruth Leuwerik, Kirk Douglas, Franz Josef Strauß, Edward Kennedy, Prinzessin Soraya (Kaiserin von Persien von 1951 bis 1958), Leonard Bernstein, George Orson Welles und Juri Gagarin. Der junge Udo Jürgens trat ebenfalls in der Bar „Bei Gisela“ auf. Hier begann der Weg des Sängers, Komponisten, Texters und Pianisten. Er spielte zwischen Giselas Auftritten und verdiente sich ein paar Mark und etwas zu essen. Der Münchner Maler Ernst Eiginger wohnte in einer an die Bar angebauten Wohnung. Seine Kunstwerke schmückten das Lokal; er und Gisela pflegten eine enge Freundschaft.

Die Bar besaß eine bedeutende soziale und kulturelle Relevanz. Einerseits war sie ein Ort, an dem sich Vertreter verschiedener sozialer Schichten und Altersgruppen treffen konnten, andererseits war sie einer der beliebtesten Treffpunkte der Münchner Bohème. Die Leute unterhielten sich, tanzten und tranken, rezitierten und verkauften Handgefertigtes wie Schmuck, Gemälde, Erdbeeren in Schokolade und vieles mehr.

Das Lokal gilt bis heute als eine der bekanntesten Kabarett-Institutionen Münchens.

Foto von Gisela Schwabinger, die am Mikrofon singt

Die Liebe ruft

1965 heiratete Gisela den in München lebenden Tiroler Bauern Luis Dialer. Zehn Jahre verbrachten sie in Schwabing, bis sie den Überredungskünsten ihres Mannes nachgab und nach Dinkelsbühl zog. Dort arbeitete sie als Wirtin. 1974 kehrte Gisela München den Rücken – aber nicht für lange.

Nach dem Tod ihres Mannes kehrte sie in die Stadt zurück und eröffnete zusammen mit Konstantin Wecker das „Cafe Giesing“. 1986 wurde sie erneut Besitzerin der „Schwabinger Gisela“.

Ihr künstlerisches Schaffen

Gisela sang klassische Lieder wie „Warum soll eine Frau denn keinen Seitensprung haben“ und „Die kleine Madeleine“. Sie interpretierte viele Chansons, von denen einige eigens für sie im Stil des damaligen deutschen Chansons geschrieben wurden. Das Publikum kam Abend für Abend in Scharen, um ihre Darbietungen mit Spannung zu verfolgen.

Die Melodie und die ersten Strophen von „Nowak“ schrieb Hugo Wiener 1952 für seine Frau Cissy Kraner. In Österreich war das Lied verboten, doch 1954 kam es nach München. Von da an sang Gisela es jeden Abend in ihrer Bar. Sie interpretierte die von Hugo Wiener geschriebene erste Strophe, die später weltberühmt werden sollte.

Karikatur von Gisela Schwabinger am Mikrofon

Das Vermächtnis der Schwabinger Gisela

Das Leben der legendären Gisela Schwabinger ist das zentrale Thema der biografischen Buches mit dem Titel „Gisela, eine Dame mit Bildung und ausgesprochen unmoralischem Wesen“. Dieser Titel spiegelt das unkonventionelle und bohèmehafte Image der berühmten Münchner Barbesitzerin perfekt wider.

Die Erstausgabe des Buches erschien 2008 in München beim deutschen Verlag LangenMüller. Das Titelbild zeigt Gisela selbst. Seit 2008 ist diese Ausgabe in den Bibliotheksbeständen, insbesondere in Leipzig, verfügbar.

Zehn Jahre später (etwa 2018) erfuhr das Buch eine Neuauflage bei LangenMüller mit dem Verlagsort Stuttgart. In den Katalogen ist es als 2. Auflage aufgeführt, was seine Popularität und das anhaltende Interesse an Gisela Schwabinger bezeugt. Später war diese Ausgabe nicht nur in Leipzig, sondern auch in Frankfurt erhältlich.

Das Buch ist die zentrale literarische Quelle zur Erforschung des Lebens und des Erbes von Gisela Schwabinger und bestätigt ihre Bedeutung für die Geschichte der Münchner Bohème und des Chansons. Es handelt sich um Giselas Memoiren und Biografie, die von Waltraud Fölgner verfasst und zusammengestellt wurden. Sie war viele Jahre lang Giselas Freundin und Vertraute und konnte daher die wichtigen Lebensgeschichten detailreich und authentisch festhalten. Darüber hinaus enthält das Buch ein Vorwort von Christian Ude, dem ehemaligen Oberbürgermeister Münchens. Er nannte Gisela eine poetische Institution in der Occamstraße.

Und zurück zum Buchtitel: Der Satz „eine Dame mit Bildung und ausgesprochen unmoralischem Wesen“ wurde nicht zufällig gewählt. Diesen Ausdruck verwendete der Staatsanwalt am Münchner Gericht während des Prozesses von 1960. Er wandte sich gegen ihre Schallplatte, insbesondere gegen das Lied „Aber der Nowak lässt mich nicht verkommen…“. Der Prozess wurde von den „Sittenwächtern“ wegen Giselas angeblich unanständigen Chansons initiiert.

Gisela Schwabinger mit einem Gast in ihrer Bar

Der Tod einer Legende

Die berühmte Chansonsängerin Gisela verbrachte ihre letzten Jahre in einer kleinen Wohnung in der Westenriederstraße. Ihren 85. Geburtstag feierte sie im Kreis ihrer Freunde in der Galerie Roucka. Im Februar gelang es ihr noch, das Ehepaar Ude mit der Auszeichnung „Schwabinger Laterne“ zu ehren und ein letztes Mal zu singen. Zu Hause endete die Geschichte der „Schwabinger Gisela“. Sie starb 2014 und wurde auf dem Nordfriedhof in München beigesetzt.

Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter sagte nach Bekanntwerden des Todes der Stadtlegende, sie sei selbst „ein Stück München“ gewesen. Er betonte, dass die Stadt ihren Star vermissen werde.

Gisela bleibt ein unvergessliches Symbol des kulturellen Aufbruchs in München und die Verkörperung des bohèmehaften Geistes der Nachkriegszeit. Sie war nicht nur die Besitzerin der Bar „Bei Gisela“, sondern ein wahres kulturelles Phänomen: eine Sängerin, die mit ihrer rauchigen Stimme und ihren scharfen, oft skandalösen Chansons die bürgerliche Moral herausforderte. Ihr Lokal wurde zum legendären Herzstück Schwabings, wo sich Künstler, Intellektuelle und Berühmtheiten trafen. Diese außergewöhnliche und freiheitsliebende Persönlichkeit ist bis heute unvergessen und wird in Ehren gehalten.

Gisela Schwabinger in jungen Jahren

Quellen

...