Bernhard von Gudden – der erste Arzt, der offen über Menschlichkeit sprach

Bernhard von Gudden war ein Arzt, der dorthin schaute, wo andere wegsahen. Zu seiner Zeit wurden Menschen mit psychischen Erkrankungen hinter Gittern eingesperrt – nicht behandelt. Er war der Erste, der die Ketten lösen ließ und zeigte, dass Menschlichkeit wirksamer ist als Gewalt. In seinem Labor untersuchte er das Gehirn mit einer Genauigkeit, als wolle er den Ursprung des menschlichen Denkens verstehen. Seine Experimente legten den Grundstein für die moderne Neuroanatomie.

Guddens Leben nahm eine Wende, als er den Auftrag erhielt, den Gesundheitszustand des bayerischen Königs zu begutachten. Diese Expertise löste eine Affäre aus, die ganz Bayern erschütterte – und tragisch endete. Trotzdem hinterließ Gudden ein wissenschaftliches Erbe und ein neues Verständnis davon, was einen wahren Arzt ausmacht. Mehr dazu auf munichka.eu.

Frühe Jahre, Ausbildung und geistige Entwicklung

Bernhard von Gudden wuchs in einer Familie auf, die Bildung, Fleiß und Präzision hoch schätzte. Seine Kindheit verbrachte er im ruhigen Kleve – in einer Umgebung, in der Disziplin und Ordnung als selbstverständlich galten. Als Jugendlicher las er viel und interessierte sich nicht nur für Naturwissenschaften, sondern auch für Theologie. Doch mit der Zeit wurde ihm klar, dass man die Wahrheit über den Menschen nicht in theologischen Schriften, sondern in seiner Natur findet. So entschied er sich für ein Medizinstudium in Halle.

Es war eine Zeit, in der sich die Medizin rasant veränderte und junge Ärzte begannen, wissenschaftlich zu denken. An der Universität lernte Gudden genaues Arbeiten, Beweise und wiederholte Kontrolle. Seine Lehrer prägten in ihm die Haltung, kein einziges Beobachtungsergebnis ungeprüft zu lassen.

1848 schloss er sein Studium mit dem Doktor der Medizin ab und wurde Assistent in psychiatrischen Einrichtungen. Dort sah er die Realität des Systems: Patienten lebten hinter Gittern und galten als gefährlich – nicht als krank. Der Eindruck war stark genug, um seine berufliche Haltung zu verändern. Gudden war überzeugt, dass Behandlung nicht Strafe, sondern Hilfe sein muss. Er begann, Gitter zu entfernen, Patienten Aufenthalte im Freien zu erlauben und eine ruhige Umgebung zu schaffen. Er stellte fest, dass Respekt und Milde erfolgreicher waren als Zwang – ein Prinzip, das ihn sein Leben lang prägte.

Parallel begann er erste neuroanatomische Experimente. Er untersuchte, wie Nervenfasern auf Verletzungen reagieren und wie sich das Gehirn nach Schäden regeneriert. Ihn interessierten konkrete Prozesse, nicht abstrakte Spekulationen. Mit dem Mikroskop analysierte er feinste Gewebeschnitte und dokumentierte Veränderungen mit einer Genauigkeit, die damals selten war.

Besonders beeinflusste ihn Wilhelm Griesinger, der vertrat, dass psychische Erkrankungen körperliche Ursachen haben. Für Gudden bestätigte dies seine eigenen Beobachtungen: Seelische Störungen waren für ihn keine Strafe und kein moralisches Versagen, sondern Veränderungen im Gehirn.

So formte sich sein Charakter: ruhig, präzise, unabhängig und mutig. Ruhm suchte er nicht – nur die Ursache.

Wissenschaftliche Methoden und sein Beitrag zur Neuroanatomie

In München richtete Gudden ein Labor ein, in dem die Arbeitstage nicht mit Kaffee, sondern mit dem Mikroskop begannen. Stundenlang analysierte er feine Schnitte von Gehirngewebe und verfolgte, wie Nervenfasern nach einer Verletzung degenerieren. So entstand die Methode, die später als „Degenrationsmethode“ bekannt wurde – ein Meilenstein der Hirnforschung.

Das Prinzip war einfach, verlangte aber höchste Präzision: Gudden erzeugte gezielte Läsionen im Gehirn von Versuchstieren und beobachtete, welche Fasern mit der Zeit zerfielen. Daraus rekonstruierte er ihre Verbindungen – eine frühe Form dessen, was man heute als Traktografie bezeichnet. Er beschrieb ganze Systeme von Nervenbahnen, darunter den Sehnerv, den Sehverlauf und die Kreuzung der Sehnerven – das Chiasma.

Er dokumentierte zudem, wie Veränderungen in einer Hirnregion andere Bereiche beeinflussen. Besonders interessierten ihn die Bahnen, die Augenbewegungen steuern. Gudden zeigte, wie das Gehirn Signale koordiniert, die den Blick ausrichten und fokussieren – Erkenntnisse, die später für die Neurophysiologie des Sehens zentral wurden.

Seine Arbeiten erschienen in deutschen Fachzeitschriften und zogen rasch Aufmerksamkeit auf sich. In München gründete er eine Schule, in der junge Ärzte experimentelle Disziplin lernten: genaue Protokolle, fotografische Dokumentation, systematische Datenerfassung. Zu seinen Vorlesungen kamen nicht nur Studenten, sondern auch erfahrene Ärzte.

Seine Veröffentlichungen – darunter Arbeiten über den Sehnervenweg, den Mittelhirnbereich und motorische Zentren – wurden mit detaillierten Zeichnungen ergänzt. Sie wurden später zu Referenzen für neuroanatomische Atlanten des späten 19. Jahrhunderts.

Klinische Praxis

In den Kliniken, in denen Gudden arbeitete, verschwanden nach und nach die Ketten. Betten wurden neu angeordnet, und Patienten erhielten mehr Raum und tägliche Bewegung. In Illenau und Werneck führte er feste Tagesstrukturen ein: Spaziergänge, einfache Handarbeiten, kleine Tätigkeiten unter Aufsicht. In München, wo er die Klinik leitete, wurde die Dokumentation strenger – Beobachtungskarten und individuelle Behandlungspläne gehörten zum Standard.

Auch das Pflegepersonal arbeitete nach neuen Regeln. Gewalt sollte nur eingesetzt werden, wenn es absolut nötig war. Pflegerinnen führten tägliche Notizen zum Zustand der Patienten. Ärzte wurden angehalten, nicht den Stempel „gefährlich“ in den Vordergrund zu stellen, sondern Schlaf, Appetit, Orientierung, Sprache und Denken zu betrachten.

Guddens Diagnostik basierte auf drei Grundpfeilern: Beobachtung, wiederholte Untersuchungen und der Abgleich von Symptomen mit anatomischen Kenntnissen. Er untersuchte Patienten mehrfach, um akute Verwirrung von dauerhaften Veränderungen zu unterscheiden. Bei neurologischen Auffälligkeiten verband er klinische Beobachtungen mit seinen anatomischen Experimenten.

In der Praxis setzte er konkrete Maßnahmen ein: Bei Aggressionen isolierte er vorübergehend, jedoch ohne Fesseln; bei Angstzuständen half Arbeit und Bewegung; Schlafstörungen behandelte er mit festen Routinen statt Zwangsmitteln.

Der Fall Ludwig II.

1886 war Gudden an der offiziellen psychiatrischen Begutachtung des bayerischen Königs Ludwig II. beteiligt. Gemeinsam mit anderen Ärzten stellte er eine „psychische Unfähigkeit zur Regierungsführung“ fest, damals als Form eines paranoiden Störungsbildes beschrieben. Auf Basis dieses Gutachtens wurde der König entmachtet.

Kurz darauf hielten sich der König und Gudden im Schloss Berg am Starnberger See auf. Wenige Tage später fand man beide tot im Wasser. Offiziell lautete die Erklärung: Ertrinken. Das Ermittlungsverfahren dokumentierte den Tod, beantwortete jedoch nie alle offenen Fragen. Augenzeugenberichte und mehrere Theorien – vom Unfall bis hin zu Gewalt – existieren bis heute parallel.

In der Forschung gibt es zwei Hauptpositionen: Einige Historiker betonen, dass der damalige Diagnosebegriff der Paranoia den damaligen medizinischen Kriterien entsprach und ausführlich dokumentiert wurde. Andere weisen auf Unklarheiten hin – manche Symptome konnten unterschiedlich gedeutet werden, und politische Interessen spielten möglicherweise eine Rolle. Moderne Analysen und Neubewertungen spiegeln diese Ambivalenz wider.

Die Persönlichkeit hinter dem Beruf

Eines blieb jedoch konstant: Gudden war ein Mensch, der Ordnung, Präzision und Pflichtbewusstsein schätzte – im Labor wie im Alltag. Zeitzeugen beschrieben ihn als außergewöhnlich fleißig. Stundenlang arbeitete er in Labor oder Klinik und prüfte jedes Detail. Seine Briefe zeigen einen Menschen, der alles systematisierte – von Patientennotizen bis zu Beobachtungen tierischer Verhaltensmuster.

Er dachte rational und kommunizierte sachlich, ohne kalt zu wirken. Für seine Patienten zeigte er Respekt und sah den Menschen im Kranken. Kollegen erinnerten sich an seine Ruhe, seine Aufmerksamkeit und daran, dass er selbst in kritischen Situationen nicht die Fassung verlor.

Privat blieb er bescheiden. Er mied gesellschaftliche Anlässe und widmete seine Zeit lieber der Forschung. Wissenschaftliche Disziplin und menschliche Haltung – diese Kombination machte ihn zu einem Arzt, den Patienten wie Kollegen gleichermaßen schätzten.

Quellen:
  1. https://www.cambridge.org/core/journals/the-british-journal-of-psychiatry/article/fairy-tale-king-and-his-royal-psychiatrist-the-contribution-to-neuroscience-of-dr-johann-bernhard-aloys-von-gudden-psychiatrist-to-king-ludwig-ii-psychiatry-in-history/DB6DD057E1EC384D734A5F77E197DAD9
  2. https://pure.johnshopkins.edu/en/publications/johann-bernhard-aloys-von-gudden-the-unrecognized-role-of-the-psy
  3. https://journals.lww.com/annalsofian/fulltext/2017/20040/johann_bernhard_aloys_von_gudden_and_the_mad_king.4.aspx
  4. https://link.springer.com/article/10.1007/s00406-020-01161-8
  5. https://www.dggn.de/PDF/Abstract_10.pdf
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