Im Herzen Münchens, zwischen den engen Gassen der Altstadt, steht eine kleine Kirche mit einer Geschichte, die leicht übersehen werden kann. Die Kollegiatkirche St. Anna wurde 1730 für eine Gemeinschaft adeliger Frauen, das sogenannte Damenstift, erbaut. Damals regierte Kurfürst Karl Albrecht Bayern, und unter seiner Herrschaft schufen der Architekt Johann Baptist gemeinsam mit den Brüdern Asam diesen eleganten Tempel für Frauen, die Ruhe und ein geistliches Leben suchten. Mehr dazu auf munichka.eu.
Historischer Hintergrund und Gründung der Gemeinschaft
Anfang des 18. Jahrhunderts war München nicht nur die Hauptstadt Bayerns, sondern auch ein Zentrum des katholischen Lebens in Süddeutschland. Neue Kirchen wurden errichtet, alte Klöster renoviert und wohltätige Einrichtungen eröffnet. Religiöse Praxis war eng mit dem höfischen Leben verbunden, und jede neue Kirche symbolisierte Macht und Frömmigkeit. In den Familien des bayerischen Adels stieg die Zahl unverheirateter Frauen, die nicht in normale Orden eintreten durften, aber auch nicht ohne geistliche Berufung bleiben konnten. Für diese Frauen wurde eine eigene Gemeinschaft geschaffen.
Initiatoren waren Kurfürst Karl Albrecht und seine Frau Maria Amalia von Österreich. Sie wollten einen Ort schaffen, an dem adlige Frauen fromm leben konnten, ohne Gelübde abzulegen, und gleichzeitig Teil ihres Standes blieben. Die Idee hatte nicht nur eine religiöse, sondern auch eine soziale Dimension – Bildung zu ermöglichen, karitative Arbeit zu leisten und Waisenhäuser sowie Krankenhäuser zu unterstützen.

Die ersten Gebäude entstanden in der Nähe der heutigen Damenstiftstraße, unweit der alten Stadtmauer. Zunächst gab es eine kleine Kapelle, die als Gebetsstätte für die Frauen genutzt wurde. Bereits 1720 lebten mehrere aristokratische Schwestern in der Nähe und führten ein gemeinschaftliches Leben nach einem eigenen Tagesablauf, ähnlich dem eines Klosters.
Als 1732 Karl Albrecht die offizielle Gründung der Kollegiatkirche St. Anna (Damenstiftskirche St. Anna) genehmigte, begann der Bau der neuen Kirche und des Wohngebäudes. Johann Baptist, einer der bekanntesten Architekten seiner Zeit, wurde mit dem Projekt beauftragt. Von Anfang an galt die Gemeinschaft nicht als Kloster im traditionellen Sinne. Die Bewohnerinnen legten keine lebenslangen Gelübde ab, konnten die Gemeinschaft verlassen, unterlagen jedoch einer geistlichen Ordnung und lebten nach einem festen Tagesablauf.
Die Gemeinschaft
Die Gemeinschaft war nicht nur ein Zufluchtsort für Frauen adeliger Herkunft. Mädchen aus wohlhabenden Familien erhielten hier Bildung, und die Frauen engagierten sich in der Wohltätigkeit, unterstützten Kranke und Bedürftige. Sie nahmen am städtischen Leben teil, bewahrten aber Ruhe und Abgeschiedenheit, die Konzentration auf das Gebet erlaubten. So entwickelte sich nach und nach eine besondere Form weiblicher Gemeinschaft – zwischen Welt und Kloster, geprägt von Glauben, Dienst und Würde.
Bau und Architektur der Kirche
Der Bau der Kollegiatkirche St. Anna begann 1732. Innerhalb von zwei Jahren errichteten die Handwerker die Kirche und den angrenzenden Konventbau. Die Weihe fand 1735 statt. Johann Baptist entwarf die Kirche klein, aber elegant – mit einer einzigen Schiff, tiefem Chor und einem separaten Durchgang für die Schwestern.

Die Fassade wurde im Stil des Spätbarock ausgeführt, der in Bayern als Übergang zum frühen Rokoko galt. Der obere Bereich wurde mit leichten korinthischen Pilastern, einem wellenförmigen Gesims und einem gesprengten Giebel über dem Portal verziert. Im Zentrum befindet sich eine Nische mit der Statue der heiligen Anna. Über dem Eingang prangt das schlichte Wappen des Hauses Wittelsbach. Anders als große Stadtkirchen wirkt das Gebäude von außen bescheiden, innen jedoch luxuriös ausgestattet.
Die Innenausstattung übernahmen die Brüder Cosmas Damian und Egid Quirin Asam – die bekanntesten Künstler und Dekorateure der Zeit. Sie schufen den Hauptaltar, die Seitenkompositionen und die Deckenfresken. Cosmas Damian malte die heilige Anna mit Maria und Jesus, umgeben von Szenen aus dem Leben heiliger Frauen. Egid Quirin kümmerte sich um Schnitzereien und Stuck, ergänzte helle vergoldete Elemente, die das Kerzenlicht reflektierten.
Die Planung der Kirche orientierte sich vollständig an den Bedürfnissen der Frauen. Zum Beispiel wurde der Bereich von den Gläubigen getrennt. Die Schwestern beteten hinter Gittern auf einer speziellen Empore, die den Blick auf den Altar erlaubte, sie jedoch für Besucher unsichtbar ließ. So blieb Ruhe und Abgeschiedenheit erhalten, ohne den Gottesdienstablauf zu stören.
In der bayerischen Architektur des 18. Jahrhunderts gilt die Kirche als eines der reinsten Beispiele des Kammerbarocks. Sie wird oft als „jüngere Schwester“ der Asamkirche bezeichnet, da ähnliche künstlerische Mittel verwendet werden, jedoch in einer zurückhaltenderen, weiblichen Variante. Fachleute betonen, dass hier der Übergang von feierlicher Monumentalität zu intimer, spirituell konzentrierter Architektur deutlich wird, wie sie später für den Spätbarock in München typisch wurde.
Das Kloster und seine Bewohnerinnen
Das Leben im Kloster, das für adlige Frauen gegründet wurde, war ruhig und geordnet. Hier lebten Töchter wohlhabender Familien, die nicht heirateten, aber ein geistliches Leben führen wollten. Sie legten keine strengen Gelübde ab und konnten das Kloster verlassen, doch die Mehrheit blieb dauerhaft. Die Frauen hielten sich an den Tagesablauf, beteten in der Kirche St. Anna, beschäftigten sich mit Handarbeit, Musik, pflegten den Altar und sorgten für Ordnung in den Zellen. Ein Teil des Tages war dem Lernen gewidmet: Sie lasen geistliche Bücher, lernten Latein, Gesang und Grundlagen der Theologie.
Die Gemeinschaft war nicht nur ein Ort des Gebets, sondern ein Zentrum weiblicher Bildung und Kultur im 18. Jahrhundert. Sie genoss große Achtung. Kurfürsten besuchten die großen Gottesdienste, und städtische Musiker führten speziell für die Kirche komponierte Messen auf. In der Klosterbibliothek wurden Manuskripte und geistliche Werke aufbewahrt, und an Festtagen sangen die Schwestern alte Hymnen aus mittelalterlicher Tradition.

Das Leben der Gemeinschaft änderte sich 1803 durch die Säkularisation in Bayern. Die meisten Klöster wurden geschlossen und ihr Besitz ging an den Staat über. Die Gemeinschaft verlor ihren Klosterstatus, und die Schwestern mussten das Kloster verlassen. Teile der Gebäude wurden als Wohnungen, andere als Schulen genutzt.
Auch nach der Auflösung der Gemeinschaft blieb die Tradition weiblicher Frömmigkeit erhalten. Einige ehemalige Bewohnerinnen blieben in der Nähe und halfen in der Kirche, pflegten den Altar, sorgten für Sauberkeit und brachten Blumen. Später versammelten sich hier Laienfrauen, die die spirituelle Linie des ehemaligen Klosters fortführten. So blieb ein besonderer weiblicher Kreis erhalten, der die Kirche unterstützte und von Generation zu Generation die Erinnerung an ihr Heim weitergab – einst ein Zufluchtsort für Münchens adelige Damen.
Zerstörung im Krieg
Während des Zweiten Weltkriegs erlitt die Kirche St. Anna schwere Schäden. Bei den nächtlichen Luftangriffen 1944 wurde das Gebäude direkt getroffen. Das Dach wurde zerstört, Gewölbe stürzten ein, Altäre wurden durch Feuer beschädigt. Glasfenster zerbrachen, und Teile der Asam-Fresken gingen verloren. Innen blieben nur Wandfragmente und einzelne dekorative Details erhalten. Münchner, die die Bombardierungen überlebten, bewahrten diese Reste und übergaben sie nach dem Krieg den Restauratoren.
Die Entscheidung über die Wiederherstellung der Kirche wurde nicht sofort getroffen. In den Nachkriegsjahren gab es in München Debatten: Einige forderten eine vollständige Rekonstruktion, andere wollten die Ruinen als Erinnerung an den Krieg bewahren. Schließlich wurde 1950 die Wiederherstellung dem Architekten Erwin Schleich anvertraut. Bekannt für seine Haltung der „ehrlichen Restaurierung“, ließ er die Spuren der Zeit sichtbar, ohne Verluste zu kaschieren. Schleich entschied sich, die Innenräume in zurückhaltenden Tönen zu gestalten, statt die barocken Fresken farblich wiederherzustellen. Dieser Ansatz betonte die Tragik der Vergangenheit und stellte gleichzeitig die Integrität der Kirche wieder her.
Die Restaurierung dauerte mehrere Jahrzehnte. Einige dekorative Elemente wurden anhand alter Fotos und archivierter Pläne rekonstruiert, teilweise mit künstlerischer Freiheit, um keine falsche Kopie zu schaffen. Nach Abschluss der Arbeiten wurde die Kirche wieder für Gottesdienste geöffnet und wurde für die Münchner zum Symbol der Stadterneuerung nach den Zerstörungen.

Gegenwart
Heute gehört die Kirche St. Anna wieder zur Erzdiözese München und Freising. Seit 2014 werden hier Messen im traditionellen lateinischen Ritus gefeiert, die von der Priesterbruderschaft St. Petrus (FSSP) durchgeführt werden. Diese Gottesdienste ziehen nicht nur Gläubige, sondern auch Touristen an, die sich für alte Rituale interessieren.
Die Kirche bewahrt die Atmosphäre weiblicher Spiritualität, die im 18. Jahrhundert begann. In ihren Mauern verbinden sich Gebet, Kunst und Geschichte. Für die Münchner ist sie nicht nur ein Barockdenkmal, sondern ein Zeugnis von Wiederaufbaukraft und der Kontinuität von Tradition.
Quellen: